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Stopp-Start-Weiter: Drei Spalten, die dein Handeln sortieren

Methode24. März 2026Aktualisiert: 16. Mai 20268 Min. Lesezeit

Vielleicht kennst du das Gefühl: ständig beschäftigt, am Ende des Tages aber nicht sicher, ob du wirklich an den richtigen Dingen gearbeitet hast. Volle To-Do-Listen, viel erledigt. Und trotzdem die Frage, ob das, was du tust, dich dem näher bringt, was dir wichtig ist.

Genau hier setzt Stopp-Start-Weiter an: ein einfaches Werkzeug, das aktuelles Handeln in drei Kategorien sortiert und sich im Selbstcoaching wie im Coaching-Prozess einsetzen lässt.

1. Was Stopp-Start-Weiter ist

Die Methode kommt aus John Streleckys Buch „Zeit für Fragen im Café am Rande der Welt“ (2024, S. 73-74). Strelecky beschreibt sie auf wenigen Seiten als Werkzeug, das eine sehr alte Frage aufgreift: Womit möchtest du aufhören, womit anfangen, was möchtest du weiterführen? Sie ist kein Modell, kein Konzept im engeren Sinne. Sie ist eine Sortierhilfe für das eigene Handeln.

Streleckys Grundgedanke (2024, S. 20-21): Das größte Hindernis für ein gewünschtes Leben ist, nicht zu wissen, wie es aussieht. Stopp-Start-Weiter macht zuerst sichtbar, was gerade passiert, bevor die Frage kommt, was passieren soll.

Stopp

Was darf gehen?

Was zehrt regelmäßig an dir, ohne dir etwas zu geben?

Start

Was darf beginnen?

Was wartet darauf, dass du es endlich anfängst?

Weiter

Was darf bleiben?

Was läuft gut und verdient deine bewusste Wertschätzung?

Diese Übersicht gibt es unten als druckbares PDF zum Mitnehmen.

Eine eigene Weiterentwicklung: das Aufgabentagebuch

Eine Erweiterung macht die Methode deutlich wirksamer: ein Aufgabentagebuch als Vorbereitung.

Das Prinzip ist einfach. Über einen Zeitraum von einer Woche bis zu einem Monat wird ein Tagebuch über alle Tätigkeiten geführt. Nicht nur die großen Projekte, sondern auch die kleinen Aufgaben, die Routinen, die Gespräche, die Ablenkungen. Jede Aufgabe bekommt eine kurze Bewertung, am einfachsten eine Sternebewertung von eins bis fünf.

Nach dem Beobachtungszeitraum wird die Stopp-Start-Weiter-Reflexion auf Basis der echten Daten gemacht, nicht aus dem Bauchgefühl heraus. Das Ergebnis verschiebt sich deutlich. Du siehst schwarz auf weiß, wofür deine Zeit verwendet wird, und erkennst Muster, die im Alltag verborgen bleiben.

Die Aufgabentagebuch-Variante ist eine eigene Weiterentwicklung, kein Bestandteil von Streleckys Original.

2. Stopp-Start-Weiter im Coaching

Im Selbstcoaching ist das Werkzeug leicht anwendbar. Im Coaching-Setting wirkt es anders, und das hat einen guten Grund.

Wer eigenständig drei Spalten ausfüllt, tut das mit denselben Annahmen, die die Situation überhaupt erst entstehen lassen haben. Anders gesagt: Niemand sieht den eigenen blinden Fleck, solange er allein im Raum ist. Genau hier setzt der Coaching-Einsatz an.

Backhausen und Thommen (2017, S. 51) nennen das die eigentliche Aufgabe des Coaches: dir zu helfen, deinen eigenen Blick auf die Situation zu hinterfragen, statt dir Antworten zu geben. Genau diesen Außenblick kannst du dir allein nicht selbst geben.

Konkret heißt das: Bei Stopp fragt der Coach nicht nur, was aufhören soll, sondern welche Funktion das Verhalten noch hat. Backhausen und Thommen sprechen vom verborgenen Gewinn des Status quo (2017, S. 112-113): Wer ein schädliches Verhalten beibehält, hat dafür einen unsichtbaren Grund, etwa Sicherheit oder die Vermeidung eines unangenehmen Gesprächs. Bei Start geht es darum, woran das Anfangen bisher gehindert hat, nicht nur darum, was begonnen werden soll. Bei Weiter um die Würdigung, die im Alltag fehlt und die viele erst auf zweite Nachfrage finden.

Eine Frage, die im Coaching besonders trägt: Was wäre die eine Veränderung, die auf alle drei Spalten gleichzeitig wirkt? Manchmal hängen Stopp, Start und Weiter so zusammen, dass ein einziger Schritt genügt. Das allein zu sehen, ist schwer, mit einem Gegenüber meist möglich. Darum eignet sich die Methode gut zu Beginn eines Coaching-Prozesses als Standortbestimmung, vor großen Entscheidungen als Sortierhilfe und nach Konflikten als Bilanz.

3. Fallbeispiel Lena

Damit greifbar wird, wie sich die Methode anfühlt, hier das Beispiel von Lena, einer fiktiven Figur, die auf diesem Blog regelmäßig auftaucht: 42, seit sechs Jahren selbstständige Architektin (fiktives Beispiel).

Drei Mitarbeitende, ein gut laufendes Büro. Dann ein Anruf: ein Möbelhersteller plant einen Neubau, 3,5 Millionen Euro, 18 Monate, doppelt so groß wie ihr bisher größtes Projekt. Eine befreundete Unternehmerin rät ihr, sich vorher einen halben Tag hinzusetzen und zu sortieren, wo sie steht, bevor sie entscheidet. Lena nimmt sich den Vormittag: Küchentisch, Kaffee, drei Blätter. Sie fängt mit dem schwierigsten an.

So füllt Lena ihre drei Spalten:

Stopp

Was darf gehen?

  • Jede Zeichnung selbst bis ins Detail prüfen
  • Kleinaufträge so tief wie ein Einfamilienhaus
  • Abends nach dem Essen noch einmal E-Mails

Start

Was darf beginnen?

  • Eine feste Stunde pro Woche nur für Strategie
  • Die frühere Kommilitonin anrufen (Teilzeit)
  • Klare Trennlinie zwischen Büro und Zuhause

Weiter

Was darf bleiben?

  • Persönlicher Kontakt zu Stammkunden
  • Qualität bei den Kernaufträgen
  • Freitagnachmittag bis Montag frei
  • Mitarbeitende früh Verantwortung geben

Was Lena daraus mitnimmt

Nach zwei Stunden markiert Lena pro Spalte einen Punkt für einen kleinen Schritt in den nächsten sieben Tagen. Stopp: das Handy ab 19 Uhr in die Schublade, eine Woche als Test. Start: die Kommilitonin anrufen, unverbindlich, „hast du mal eine halbe Stunde für einen Kaffee?“ Weiter: bewusst würdigen, dass das Wochenende ihr gehört, und es Matthias auch sagen.

Danach sieht Lena klarer, was Wachstum für sie heißt: nicht alles größer machen, sondern bewusst entscheiden, was sie abgibt, um das weiterzuführen, was ihr Büro ausmacht. Ob sie das Großprojekt annimmt, weiß sie noch nicht. Aber sie stellt die Frage jetzt an den richtigen Punkten.

4. Stopp-Start-Weiter im Selbstcoaching

Die Selbstcoaching-Variante funktioniert ohne Coach, mit Papier und Stift. Sie braucht Zeit, Ruhe und Ehrlichkeit. Nichts davon ist selbstverständlich, aber alles ist machbar.

Vorbereitung

Sinnvoll sind mindestens 30 Minuten ungestörte Zeit. Drei Blätter Papier oder ein Blatt mit drei Spalten reichen aus. Handy im Flugmodus hilft, wenn Ablenkung sonst schnell zurückkommt. Wer es genauer haben will, führt vorher eine Woche oder einen Monat das Aufgabentagebuch (siehe oben).

Reflexionsfragen

Zur Stopp-Spalte

  • → Welche Aufgabe zehrt regelmäßig an dir, ohne dass du danach etwas Sinnvolles in der Hand hast?
  • → Was tust du nur noch aus Gewohnheit, nicht mehr aus Überzeugung?
  • → Welches Verhalten bringt dich deinem Ziel nicht näher, sondern hält dich nur beschäftigt?
  • → Was würdest du sofort streichen, wenn du wüsstest, dass niemand es dir übel nimmt?
  • → Was tust du regelmäßig, das sich währenddessen gut anfühlt, aber danach schlechter?
  • → Was hältst du aufrecht, weil du glaubst, dass andere es von dir erwarten, und was davon ist wirklich deine eigene Erwartung?
  • → Wovon merkst du erst hinterher, dass es dich mehr Energie gekostet als gebracht hat?

Zur Start-Spalte

  • → Was schiebst du seit Wochen vor dir her?
  • → Was würdest du tun, wenn du heute noch einmal ganz von vorne anfangen könntest?
  • → Welche Fähigkeit oder welches Wissen würde dich in deiner aktuellen Rolle am meisten voranbringen?
  • → Was ist der kleinste denkbare Schritt, mit dem du morgen starten könntest?
  • → Was ist die eine Sache, von der du weißt, dass du sie anfangen solltest, und tust es trotzdem nicht? Was hält dich ab?
  • → Wenn du in einem Jahr zurückschaust: Was hättest du gern angefangen?
  • → Was würde sich ändern, wenn du es einfach diese Woche beginnst, statt zu warten, bis es perfekt durchdacht ist?

Zur Weiter-Spalte

  • → Was funktioniert bereits gut?
  • → Was gibt dir Kraft?
  • → Worauf bist du stolz, auch wenn du es dir selten sagst?
  • → Was würdest du vermissen, wenn du es plötzlich nicht mehr hättest?
  • → Was ist so selbstverständlich geworden, dass du es kaum noch wahrnimmst, aber sofort merken würdest, wenn es fehlte?
  • → Wer oder was trägt dazu bei, dass das gut läuft, und weiß diese Person davon?
  • → Welcher Punkt hier überrascht dich selbst am meisten?

Priorisierung

Eine Möglichkeit: pro Spalte aufschreiben, was spontan einfällt, dann pro Spalte einen Punkt markieren, bei dem ein kleiner Schritt in den nächsten sieben Tagen machbar wirkt. Nicht zwölf Veränderungen gleichzeitig, drei kleine reichen. Für jeden der drei Punkte ein Satz: was konkret, mit welchem ersten Schritt, an welchem Tag.

5. Wo Stopp-Start-Weiter an Grenzen kommt

Die Methode ist stark und einfach. Aber sie hat klare Grenzen, und es lohnt sich, sie zu kennen.

Sie zeigt, wo du stehst. Sie erklärt nicht, warum.

Wenn dieselben Punkte immer wieder in deiner Stopp-Spalte auftauchen, ohne dass sich etwas ändert, ist die Methode an ihrer Grenze. Hinter dem „Ich sollte damit aufhören“ steckt oft ein Muster, das tiefer liegt als eine Gewohnheit. An dieser Stelle braucht es eine andere Frage: Was bringt mir dieses Verhalten, obwohl ich weiß, dass es mich nicht weiterbringt? Diese Frage erfordert ein Gegenüber, das nicht in das System eingebunden ist. Allein gestellt verfehlt sie meistens den Kern.

Sie kann nur das sortieren, was sichtbar ist.

Backhausen und Thommen formulieren es so (2017, S. 17): Menschen sind Gefangene ihrer eigenen beschränkenden Wirklichkeitskonstruktionen. Wer eigenständig Stopp-, Start- und Weiter-Spalten befüllt, tut das auf Basis derselben Konstruktionen, die das Problem erzeugen. Das Werkzeug klärt, was du bereits weißt. Es klärt nicht, was du noch nicht siehst.

Die Start-Spalte kann trügerisch sein.

Nicht jedes „Ich müsste mal...“ ist ein echtes Ziel. Manchmal ist es der Wunsch, der gerade gesellschaftlich erwartet wird, oder eine Idee, die sich aufregend anfühlt, aber nicht zu den eigenen Werten passt. Eine Zusatzfrage hilft: Warum genau willst du das anfangen? Für wen machst du das? Und was passiert, wenn du es nicht tust?

Die Methode misst subjektive Belastungs-Wahrnehmung, nicht Ergebnis-Realität.

Was sich auslaugend anfühlt (Beispiel Lena: operatives Mitarbeiten), kann objektiv der umsatzkritischste Anteil eines Geschäftsmodells sein. Stopp-Start-Weiter arbeitet mit subjektiver Belastungs-Bilanz, nicht mit betriebswirtschaftlicher Analyse. Wer etwas stoppt, ohne dessen Systemfunktion zu kennen, kann das Gesamtsystem destabilisieren. In komplexen unternehmerischen Entscheidungen ist die Methode ein erster Schritt, nicht der einzige.

Wann ein Coaching hilft

Wenn Stopp-Start-Weiter im Selbstcoaching wiederholt am selben Punkt scheitert, wenn dieselben Themen immer wieder auftauchen, ohne dass Bewegung entsteht, oder wenn eine große Entscheidung in einem System ansteht, in dem viele andere Stakeholder mitwirken, ist ein Coach sinnvoll. Nicht weil er die Antworten hat, sondern weil er die Fragen stellt, die du dir allein nicht stellst.

Ein unverbindliches Telefonat zur Themenprüfung kann hier Klarheit bringen. 15-20 Minuten, kostenfrei, kein Verkaufsgespräch. Telefonnummer und Kontaktformular auf der Kontaktseite.

6. Downloads zum Mitnehmen

Die drei Dokumente zu dieser Methode, jeweils als PDF:

Neue Methoden per Mail

Ein Newsletter zu neuen Methoden ist in Vorbereitung. Du wirst auswählen können, was du bekommst: neue Methode, neuer Blogartikel und mehr, nicht alles auf einmal. Wenn du jetzt schon Bescheid bekommen möchtest, sobald es so weit ist, schreib mir kurz.


Literaturverzeichnis

  • Strelecky, J. (2024). Zeit für Fragen im Café am Rande der Welt. dtv. (S. 20-21, 73-74)
  • Backhausen, W. & Thommen, J.-P. (2017). Coaching: Durch systemisches Denken zu innovativer Personalentwicklung. (4. Aufl.) Springer Gabler. (S. 17, 51, 112-113)

Die Nennung einer Quelle ist keine Buchempfehlung. Falls du wissen möchtest, welche Bücher ich empfehle, schreib mir gerne.

Jan-Aiko Berends

Über den Autor

Jan-Aiko Berends

Business Coach in Friesoythe. Sparrings- und Reflexionspartner für Führungskräfte, Teams und Selbstständige.

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